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Kur und Bad

Zur Einführung
Reichel / Dr.Wiederhold / Dr.Rohrbach
Dr.Goßmann
Eine Kur im Sanatorium Goßmann
Dr.Greveler / Bahn-Kurheim / Habichtswald-Klinik
Dr.Greger
Dr.Rohr
Palmenbad
Kur- und Badehaus, Kurhausstr.15
Freibad Wilhelmshöhe
Burgfeld-Krankenhaus
Elena-Klinik


Aus einem »Führer durch Cassel und Wilhelmshöhe« von 1897.*5


Ein in vielen Variationen häufig verteilter Prospekt von ca. 1935, der aufgefaltet ein Panorama des Kurgebietes zeigt: Villen-Kolonie, Park und Peripherie. Das Panorama findet sich am Anfang des Kapitels »Villen-Kolonie«. Ein auswechselbarer Transparent-Aufleger gab Auskunft über Hotels, Gaststätten und Kur-Einrichtungen.*5
Einführung

Durch die Industrialisierung zogen die Städte seit den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Landbevölkerung an, Enge und Wohnungsnot waren die Folge. Die etwas bessergestellten Bürger hatten daraufhin nicht nur der Wunsch, den zunehmend staubigen und rußigen Städten möglichst oft zu entfliehen, das explosionsartig wachsende Eisenbahnnetz machte Reisen auch erstmals halbwegs bequem und erschwinglich. Die »Reparationen«, die Deutschland dem im 1870/71er-Krieg überfallenen Frankreich nach dem Sieg aufzwang, sorgten für nie gekannten Wohlstand, der auch die daher so genannte »Gründerzeit« möglich machte. Dies machte man sich vielerorts zunutze und erweiterte vorhandenen Kurbetrieb bzw. gründete ihn neu.
  Wilhelmshöhe war für seine gute Luft bekannt – der Leib- und Kurarzt Bismarcks, Prof. Dr. Ernst Schweninger, soll den von der Tourismus-Werbung seit dem späten 19. Jahrhundert bis heute ständig zitierten Satz geprägt haben: »In Wilhelmshöhe ist jeder Atemzug einen Taler wert!«. Siehe die Aktion »Wilhelmshöher Atemzug« - hier klicken. Und hier ein Link zu biographischen Daten Schweningers. - Die Nähe zur kaiserlichen Sommerresidenz und die Villenkolonie Mulang sorgten für glamourösen Hintergrund, und so waren die Kur- und Natur-Heilanstalten sowie die Privat-Krankenhäuser in Wilhelmshöhe sehr erfolgreich.
  Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, den Deutschland bekanntlich verloren hatte und nun seinerseits unter Reparationen und Inflation ächzte, machten vielen dieser Einrichtungen das Überleben schwer. Klinikschließungen oder Verkauf an Institutionen fanden statt. In den 30er Jahren wurden die Anstrengungen erneuert und das Prädikat »Bad Wilhelmshöhe« errungen. Die Säulen, auf denen der Badebetrieb ruhte, waren: die Heilanstalt von Dr. Rohrbach, das neue Kurhaus (Kurhausstraße 15), das frühere Goßmannsche Sanatorium (Druseltalstraße), das neuerrichtete Freibad an der Kurhausstraße – und natürlich der Bergpark, in dem Kneipp-Wassertretstellen errichtet wurden. Mit dem Zweiten Weltkrieg kam der Badebetrieb zum Erliegen, das »Bad«-Prädikat wurde aber schon um 1950 wiedererlangt.
  Um 1970 wurde der florierende Badebetrieb durch politischen Beschluß eingestellt (warum eigentlich genau? Wer weiß Näheres?), und beide historisch wertvollen Kurhäuser abgerissen, auch das nach dem Krieg aufwendig sanierte prachtvolle Goßmann-Haus an der Druseltalstraße. Das Kur-Prädikat »ruhte«.
  Seit den 80er Jahren wurden erneute Anstrengungen unternommen, die um das Jahr 2000 mit der erneuten Wiederverleihung des »Bad«-Prädikates belohnt wurden. Seitens der Stadt Kassel wird aber zu wenig getan, die privaten Kur-, Bad- und sogenannten »Wellness«-Angebote zu unterstützen. Es mag nicht die Zeit sein, in der Badeorte florieren, aber worin der Sinn liegen soll, sich um das Prädikat zu bemühen, aber nach Verleihung nichts dergleichen zu tun, will nicht einleuchten. Die Gefahr einer erneuten Aberkennung des Bad-Prädikats ist nicht von der Hand zu weisen.
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Kurheim Reichel (rechts, das »alte Haus«) mit ehemaliger Villa Dr. Schmidt (links, das »Schweizer Haus«) von Osten, Holzstich von ca. 1870; die beiden Gebäude wurden enger zusammenstehend dargestellt als sie in Wirklichkeit waren.
*5


Ca.1875: Der »Gasthof Schweizerhaus«, erbaut als Kurheim von Dr. Schmidt ca. 1867.*10 Weitere Bilder: »Villenkolonie« / »Anthoniweg«.


Kuranstalt Wiederhold von Süden: das »alte Haus«, ca. 1878.
*2


Ca.1880: Diese Aufnahme von Nordosten zeigt den damals noch offenen Blick auf Kassel.
*10


Souvenir-Leporello, ca. 1890, links das »Schweizer Haus«, unten das »alte Haus«.
*5


Anzeige Prospekt von 1899.
*9 Der Text steht mit geringen Kürzungen rechts. Alle abgebildeten Häuser gehörten zur Wiederholdschen und später zur Rohrbachschen Anstalt. Die vier Häuser links standen am heutigen Anthoniweg, zwei haben überlebt (siehe »Villenkolonie«).


Ca.1890: Blick aus dem Park Wilhelmshöhe auf das »alte Haus«.
*6


Ca.1890: Im Park der Wiederholdschen Kur-Anstalt, dem Areal zwischen Anthoniweg, Mulangstraße und Hugo-Preuß-Straße.
*6


1892: Erweiterung um den Bau links, das »neue Haus«. 1920 wechselt der Besitzer, fortan ist es das »Kurhaus Dr.Rohrbach«. Ansicht von Nordwesten, über die Mulangstraße hinweg.
*2


Ca. 1925: Das »alte Haus« von der Gartenseite.
*9


Das teilzerstörte »Schweizer Haus«, das allererste Haus auf dem Gebiet der heutigen Villenkolonie, wohl nach dem Krieg vor dem Abriß aufgenommen.
*9


Ansicht von Norden, ca. 1910.
*5


1915
: Der obere Teil der Mulangstraße, links oben das Kurhaus Dr. Rohrbach.
*5


1939 beschriebene Postkarte, Foto wohl von ca. 1925.
*5


Ca.1960: Postkarte der »Privatkrankenanstalt Dr. Rohrbach«. Aus der gleichen Perspektive wie das obere Bild aufgenommener Blick auf das wiederaufgebaute »neue Haus«. Das »alte Haus« ist verschwunden.
*5


Eine weitere Postkarte aus der gleichen Zeit.
*5


Dr. Wilhelm Rohrbach im Kreise seiner Schüler im Untergeschoß des wiederaufgebauten Hauses, 1949.
*9


Lehrbuch von Dr. Wilhelm Rohrbach, Lübeck 1949.*5


Dr. Wilhelm Rohrbach,
ca.1955.
*9

Kurheim Reichel / Dr. Schmidt – (1874–1877)
Kuranstalt Dr. Wiederhold
– (1877–1920)
Kurklinik Dr. Rohrbach
– (1920–1965)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden allmählich die landwirtschaftlichen Flächen auf dem Hang südlich des Parkdorfes Mulang erschlossen, auf denen heute die Villenkolonie steht: Das »Burgfeld«, der »Wüste Hang« und »am Stein«.
  Der ehemalige Leibarzt des Kurfürsten, Hofrat Dr. Justus Schmidt, ließ am oberen, also westlichen Ende dieser Fluren nach der Annektion des Kurfürstentums Hessen durch die Preußen 1866 eine Villa im damals so genannten Schweizer Stil erbauen, die entweder von Anfang an auch der Gastlichkeit diente oder schon nach kurzer Zeit zum Gasthaus und Kurheim umgewidmet wurde. Heute läge sie im Anthoniweg nahe der Ecke Mulangstraße. 1874 entstand in unmittelbarer Nähe zusätzlich ein größerer Bau: Das »Kurheim Reichel« von Frau Minna Reichel. Ein Prospekt des Kurheims Reichel sagt:
   »
Die Villa Reichel, welche im Jahre 1874 neu erbaut wurde, liegt 1000 Fuß über dem Meere. Die ozonreiche Waldluft [das immerhin ist sie auch heute noch] übt auf Gesunde und Kranke einen überaus festigenden Einfluß. Die Zimmer der Südseite gewähren eine weite Fernsicht auf den Rand des Habichtswaldes, das Fuldthal mit dem dahinter liegenden Söhrewalde sowie auf die sehr lebhafte Bahnlinie und das eine Stunde entfernte Cassel. Die Nordseite bietet eine nicht minder malerische Aussicht nach dem Park sammt Schloß, Löwenburg und Octogon. Die innere Einrichtung der Villa entspricht allen Anforderungen der Neuzeit. Vierundzwanzig Zimmer, 3,20 m hoch, 3,60 m bis 5,50 m lang und breit, sämmtlich neu möblirt, stehen zur Verfügung. Der größte Theil derselben ist heizbar und mit Balkon versehen, daneben bietet eine große Veranda mit prachtvoller Aussicht angenehme Sitzplätze, so daß man selbst bei Regenwetter die balsamische Waldluft mit vollen Zügen einathmen kann. Der Mietpreis für ein Zimmer beträgt je nach Lage und Einrichtung 12 bis 27 M. wöchentlich. Zu jedem Zimmer wird ein Bett gestellt, jedes Extrabett kostet pro Woche 3 M. Für Aufwartung und Reinigung wird pro Zimmer wöchentlich 1 1/2 M. berechnet.
  Wenige Schritte von der Villa Reichel liegt das rühmlich bekannte Erholungshaus des Hofrath Dr. med. [Justus] Schmidt. Hier finden die Bewohner der Villa eine gute Verpflegung. Für Frühstück, Mittagsmahl und Abendbrod, welche gemeinschaftlich im Speisesaal des Erholungshauses eingenommen werden, sind à Person täglich 3 M., für Kinder unter 10 Jahren 2 M. zu zahlen. Die Verpflegung von Dienstpersonal wird für den Tag mit 1 M. 75 Pf. berechnet. – Wer das Frühstück sich selbst bereiten will – Gebäck wird täglich frisch ins Haus gebracht – und auch an das gemeinsame Abendbrod nicht gebunden sein möchte, kann den Mittagstisch zum Preise von 1 M. 75 Pf. auch allein bekommen. Ein vortreffliches Glas Kasseler Actienbier vom Faß ist ganz in der Nähe zu finden [wohl im »Pensionshaus Wilhelmshöhe« in der Wigandstraße oder im Schloßhotel]; ebenso sind bayerische und andere Flaschenbiere nach Wunsch zu beziehen [...].
  Minna Reichel
  Mönchebergstraße«*9

Dr. Moritz Wiederhold (1849–1906), der als Kurarzt in der 1840 gegründeten Kaltwasserheilanstalt Kassel-Wolfsanger tätig gewesen war, verließ diese Anstalt, als ihm finanzielle Beteiligung verwehrt wurde (aus dem gleichen Grund verließ auch später Dr. Greveler diese Anstalt in »Bad Wolfsanger«). Wiederhold kaufte 1877 die Häuser von Dr. Schmidt, das Kurheim Reichel und das große angrenzende große Parkgrundstück. Von da an hieß die Gebäudegruppe »Dr. Wiederhold’s Sanatorium und Kuranstalt«.
  Aus einer Anzeige von 1899: »
Die Anstalt mit ihren Anlagen bildet die oberste Spitze der in kräftigem Aufblühen begriffenen Villenkolonie und ist die erste und älteste Schöpfung, durch welche die großen hygienisch-klimatischen Vorzüge der Wilhelmshöhe dem Erholung und Genesung suchenden Publikum nutzbar gemacht wurden. Die Anstalt umfaßt ein Gelände von über 12 Morgen Größe, darunter 2 1/2 Morgen schattigen, mit alten Eichen und Buchen bestandenen und mit Ruheplätzen versehenen eigenen Waldes – übrigens Park- und Gartenanlagen. Nach Vollendung des großen neuen Kursaalgebäudes [des »neuen Hauses«] im Jahre 1892 und nach Erwerb der bisherigen Privatvilla Waldeck No.2 [heute noch sehr schön erhalten: Lindenstraße 1] werden 6 für sich getrennte Häuser den Kurzwecken dienen, die außer einem großen, ca. 120 Personen fassenden Speisesaal, 2 Wintergärten, 1 Konversations- und Billardsaal, Musik-, Damen-, Lesezimmer, einer Anzahl offener und gedeckter Veranden und Balkone, großer Liegehalle und heizbarer Kegelbahn zu gemeinsamer Benützung – noch 86 Zimmer für Kurgäste enthalten, die den verschiedensten Ansprüchen an Komfort und Ausstattung entsprechen werden.
  Der Verkehr mit Cassel und der Umgebung wird vermittelt: erstens durch das Fuhrwerk des Hauses – 6 Pferde und verschiedene Wagen stehen den Gästen gegen feste Taxen zur Verfügung, zum Abholen von den Bahnhöfen, zweitens durch die 5 Minuten von der Anstalt
[am Schloßpark-Ende der heutigen Kurhausstraße] endigende, jetzt elektrisch betriebene Straßenbahn, drittens durch die Eisenbahn-Station 1/2 Stunde von der Anstalt entfernt –, sowie endlich durch Droschkenfuhrwerk, und gewährt namentlich die Straßenbahn auf billige, sichere und rasche Weise die Möglichkeit, sich der verschiedenen Kunstgenüsse, die Cassel mit seinen Museen, Bildergalerien, Theater, Konzerten etc. bietet, teilhaftig zu machen, soweit dies natürlich mit der Kur vereinbar ist. [...]
  Wie aus den Bedingungen der Aufnahme ersichtlich ist, ist die Anstalt auch während des Winters zur Aufnahme von Kurgästen geöffnet, und ist es des Unterzeichneten Absicht dabei, einesteils den Kranken, bei welchen sich das Leiden spät im Jahre, so daß anderweitige Kuren nicht mehr unternommen werden konnten, entwickelt haben, den Winter nicht ungenutzt vorübergehen lassen wollen, einen Aufenthaltsort zu bieten, an welchem sie eine zweckentsprechende Kur gebrauchen können; andernteils wollte ich auch jenen Gästen, die schlechtweg als Nervöse bezeichnet werden – also allen an Hypochondrie, Hysterie, Spinalirritation, Neurasthenie Leidenden –, ein Asyl, in welchem sie sich heimisch fühlen können, begründen. Diese Unglücklichen, welche so häufig es nicht in der Familie und ihrer Häuslichkeit aushalten können, weil sie durch das Maßlose ihrer Klage be wenig zu Tage tretender körperlicher Hinfälligkeit den Grund zu falscher Beurteilung ihres Zustandes legen und sich verkannt und mißachtet wähnen, werden, wenn es notwendig befunden, daß sie einmal von der Familie getrennt unter kundiger ärztlicher Pflege und Beobachtung längere Zeit hindurch zubringen sollen, auch während des Winters hier unter denkbar günstigen Verhältnissen sich erholen und zu den ihrigen gekräftigt und gestärkt zurückkehren können. Als Vorzug des Aufenthaltes in hiesiger Anstalt wird es aber jedenfalls anerkannt werden müssen, daß kein ausgesprochen schwer Erkrankter im Hause Aufnahme findet und seinen ungünstigen Einfluß auf die anderen Gäste ausüben kann.
  Wilhelmshöhe, September 1899.
  Dr. Wiederhold
  prakt. Arzt
«*9
Die Anstalt wurde also 1892 um den großen Anbau erweitert, wie auch auf den Bildern zu sehen ist.
Der strenge Jugendstil dieses Neubaus muß damals ausgesprochen modern gewirkt haben; in der Villenkolonie wurden noch lange danach Häuser im »Schweizer« und Gründerzeitstil errichtet.
  Eine Ausgabe der Wochenschrift »Cassel-Wilhelmshöher Fremdenblatt mit der Kurliste« vom 4.Juni 1910, führt unter dem Eintrag »Sanitätsrat Dr. Wiederholds Kuranstalt. Leitender Arzt: C. Deetjen« eine Liste der »anwesenden Kurgäste und Fremden« auf, wie das für Kurzeitungen der damaligen Zeit üblich war. Einige Namen:
  »Fr. Dr. Buchenau und Frl. Tochter, Bremen / Fr. Marie Schumacher und Begleitung, Insel Fehmarn / Fr. Steuerrat Scherer, Cassel / Schw. M. Roose, Berlin«*5
  Unter den 36 Personen auf der Liste sind nur vier Männer, und nur ein Name trägt das Sternchen eines seit »der letzten Liste neu angekommenen« Gastes. Diese geringe Fluktuation weisen auch die Gästelisten der anderen Kuranstalten in dieser Ausgabe auf, und übrigens auch die der Hotels. – Bis auf »Frau Schmitz, Antwerpen« kommen alle Gäste aus Deutschland.
  Dr. Moritz Wiederhold starb 1906 und wurde auf dem Mulang-Friedhof (Ecke Mulangstraße / Schloßteichstraße) beigesetzt. Nach seinem Tode wurde die Kuranstalt zunächst von seiner zweiten Ehefrau Emmy, geb. Boeddinghaus mit dem Arzt Dr. C.Deetjen weitergeführt.

Kurhaus Dr. Wilhelm Rohrbach

Dr. Rohrbach (1887–1970) erwarb 1920, also im Alter von 33 Jahren, die Wiederholdsche Anstalt. Er war nach Familien-Überlieferung unter etwa 15 Interessenten wegen seiner (in der Tat zumal für einen Arzt besonders schönen) Handschrift ausgewählt worden.
  1922 kaufte er »Dr. Gregers Fachschule für Massage, Badewesen, Elektrotherapie und verwandte Gebiete« hinzu, wohl die erste Schule dieser Art überhaupt. Diese Massageschule wurde nach dem Kriege weitergeführt, zunächst in den heute von einem Bahn-Planungsbüro benutzten ehemaligen SS-Baracken am Panoramaweg, in südlicher Richtung an den Anthoniweg angrenzend. Ende der 1960er Jahre übernahm Evamarie Junginger-Rohrbach, die Tochter Dr. Wilhelms Rohrbachs, die Schule, die inzwischen in Untergeschossen der Orthopädischen Klinik untergekommen war. Zu Beginn der 80er Jahre ließ sie nahe der Orthopädischen Klinik einen Neubau errichten, nachdem Anfang der 70er Jahre eine Übernahme des Kurhauses an Auflagen der Stadt gescheitert war. Auch heute noch gibt es in Wilhelmshöhe die »Schulen Dr. Rohrbach«, die inzwischen zur Schulgruppe der Bernd-Blindow-Schulen gehören. Hier ein Link auf deren Internet-Site.
  Dr. Wilhelm Rohrbach war für den Kurbetrieb in den schwierigen Jahren zwischen den Kriegen und für die kurze Blüte des Kneipp-Heilbads und Luftkurorts Wilhelmshöhe in den 30er Jahren die maßgebliche Größe.


Anzeige in »Lührs Städteführer«, ca.1935. Die heutige Hugo-Preuß-Straße hieß damals noch »Fürstenstraße«.*5

Das »Kurhaus Dr. Rohrbach« wurde am 8.3.1945 zerstört: das »alte Haus« vollständig, der neuere Anbau wurde schwer beschädigt und schlichter wieder aufgebaut. Dr. Wilhelm Rohrbach praktizierte dort nach dem Krieg weiter und war derjenige, dem 1950 die Wieder-Erlangung des Bad-Prädikates für Wilhelmshöhe und die anschließende erneute Blüte des Kneipp-Heilbads Wilhelmshöhe hauptsächlich zu verdanken waren. Die Gedanken Dr. Rohrbachs, die er in seinem kleinen Werk »Heilend gewagt – lehrend gesagt« 1967 herausbrachte, lesen sich wie eine heute noch aktuelle Anleitung zur Führung eines Kur- und Badeortes. Die Tätigkeiten und Verdienste Rohrbachs aufzuzählen, hieße selbst den Rahmen dieser eher übergenauen Internet-Site sprengen.*9
   1965 mußte Dr. Rohrbach die Krankenanstalt »als Folge des Schwesternmangels in der Bundesrepublik« aufgeben. Nach dem Verkauf des Gebäudes an die Evangelische Landeskirche wurde darin zunächst das Theodor-Litt-Institut eröffnet. Seit 1990 beherbergt es das Evangelische Fröbelseminar.

Dr. Wilhelm Rohrbach starb 1970 hochgeachtet und vielausgezeichnet als Arzt und Bürger. Nach ihm wurde ein Platz auf der Marbachshöhe benannt – wie auch die Wiederholdstraße in Kassel nach seinem Vorgänger Dr. Moritz Wiederhold benannt ist.

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Ca. 1880: Photo aus der Murhardschen Bibliothek, beschriftet »Gegend der jetzigen Gossmannschen Anstalt«.
*10


Goßmanns Sanatorium, 1907.
*5


1928: Brief an einen Interessenten, unterzeichnet von Dr. Walther Goßmann, dem Sohn des Gründers.
*5


Bahnhof Wilhelmshöhe um 1900.
*5


1908: Blick auf die Goßmannsche Anstalt von der Station »Kur-Hotel« (später »Luisenhaus«) der Herkulesbahn.
*5


Die »Hauptfront« mit Eingang.
*5


Das Vestibül (das Bild wurde offenbar aus zwei Aufnahmen zusammengefügt).
*5


Die Wandelhalle.
*5


Damenbad, Herrenbad.
*5


Herren-Sonnenbad, Liegehalle am Waldesrand.
*5


Frühstücks-Veranda, Speisesaal.
*5


Farbbild des »Kneipp-Gesundheitshauses«, um 1950.
*6


Verbreitete Karte aus dem »Kneipp-Gesundheitshaus«, der früheren Goßmannschen Anstalt, abgestempelt 1965.
*5


Aus »Führer durch Kassel und Wilhelmshöhe 1966/67«. Noch ist vom Abriß keine Rede.
*5


Luftaufnahme des Goßmann-Areals, ca. 1930.
*6


Goßmanns Natur-Heilanstalt, eröffnet 1894, um 1920.
*5


Die gleiche Perspektive, wie sie sich seit etwa 1974 darstellt ... Beim Klicken auf das Bild erscheint der dazugehörige zeitgenössische Beitrag.

Der »Panoramaweg« führt noch heute vom Augustinum, dem ehemaligen Standort der Goßmannschen Anstalt, am Saum des Habichtswaldes entlang nach Mulang:

»Panoramaweg«, ca.1910.
*5

Goßmanns Natur-Heilanstalt

Die prächtigste Kuranstalt von Bad Wilhelmshöhe war »Goßmanns Natur-Heilanstalt«, erbaut von Heinrich Goßmann aus Kassel-Wehlheiden. Sie lag nicht in Mulang, sondern am Rande des Habichtswaldes an der Druseltalstraße (damals Kohlenstraße). Vor Gründung dieses Hauses hatte Goßmann, ein »Gesundmacher« aus Leidenschaft, nach gründlicher Ausbildung in seinem Elternhaus in der Querallee 24 ein Sanatorium betrieben.*4 Er war auch Mitbegründer des »Naturheilvereins Kassel 1891 e.V.«, der immer noch besteht, welcher die schöne, sozial- und kulturhistorisch bedeutsame Anlage »Luftbad Waldwiese« im Habichtswald einst erbaut sowie jüngst neben dem rührigen Nachfolge- und Naturheilverein »Luftbad Waldwiese e.V.« vor der Zerstörung vorläufig bewahrt hat. (siehe das Kapitel »Luftbad Waldwiese«).
  Die Schicksale der Goßmannschen Anstalt taugen auch gut als Sinnbild für die »vielen guten Ansätze und mannigfachen Verhinderungen« des Kur-Standortes Wilhelmshöhe, wie Kurarzt Dr. Helmuth Greger im Jahre 2000 in einem Vortrag formulierte (den er sehr liebenswürdig in Schriftform zur Verfügung gestellt hat und dem sich zahlreiche Anregungen für dieses Kapitel verdanken). Zudem liegen über diese Anstalt viele Dokumente vor, anhand derer ein Bild des einstigen Kur-Lebens in Wilhelmshöhe vermittelt werden kann.
  Am 26. August 1894 wurde die Heilanstalt unter reger Anteilnahme Kasseler Bürger eingeweiht. Von Größe und Pracht her konnte sie sich mit erstklassigen Häusern etwa in Schweizer Badeorten messen und erfreute sich größten Zuspruchs, wie auch der abgebildete Brief beweist.
  Zwei Beiträge aus Wolfgang Hermsdorffs überaus verdienstlicher Reihe »Ein Blick zurück« in der Kasseler Tageszeitung HNA*7 befassen sich mit Heinrich Goßmann; aus diesen Beiträgen wird hier auch einiges zitiert. Beim Klicken auf die Nummern öffnen sich Bilddateien mit den vollständigen Beiträgen:
  Nr.361: »Von Wehlheiden nach Wilhelmshöhe – Vor 75 Jahren bezog Heinrich Goßmann seine neue Naturheilanstalt – Vielfältiges Wirken« vom 23.08.1969.
  Nr.695: »Leben und Heilen auf natürliche Weise – Naturheilverein Kassel 85 Jahre alte – Initiatior Goßmann heute noch Vorbild – Schrebergärten mit Luftbad« vom 21.08.1976.

(Nach oben zum Inhaltsverzeichnis.)

Wir betrachten einen Kuraufenthalt zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Der abgebildete Brief lag beim antiquarischen Kauf eines Werbeprospektes noch bei. Die weiter unten abgebildeten Fotos mit Kästchen-Rahmen stammen aus diesem Prospekt.
  Der Kurgast kam am als Fernreisender am Hauptbahnhof an, als Regionalreisender am Bahnhof Wilhelmshöhe. Von den Bahnhöfen aus ging es für Sparsame mit der Straßenbahn zur Haltestelle »Brabanter Straße«, wo man am Palmenbad in die »Herkulesbahn« umstieg. Nach der abgebildeten Haltestelle »Luisenhaus« lag der nächste Haltepunkt an der Goßmannschen Anstalt. Wem die Börse lockerer saß, der nahm eine Droschke.
  Beförderungstarife 1910 Grosse Casseler Straßenbahn: Grundpreis 10Pf, für jede Teilstrecke 5 Pf.
Herkulesbahn: Palmenbad–Goßmann 15 Pf., zurück 10 Pf.
Pferdedroschke: Nach der Wilhelmshöhe 4 Mk.
Eleganter Landauer einschl. Trinkgeld nach Wilhelmshöhe: ab 8 Mk.
Kraftdroschken: 1,50–2 Mk.

  Das Gepäck wurde üblicherweise von Dienstleuten transportiert; an den Bahnhöfen standen Gepäckwagen aller großen Hotels und Kureinrichtungen. Wer einen Dienstmann brauchte, zahlte ihm nach »Taxenordnung für Dienstmänner« von 1903: bis 5 kg: 30 Pf. / 5 bis 25 kg: 40 Pf. / 25 bis 50 kg: 60 Pf. / je weitere 25 kg: 20 Pf. / Transport in Stadtrandgebiete + 20 Pf.
  Nach der Ankuft bei Goßmann ging man die talseitige Gebäudefront entlang zum Eingang und betrat das großartige Vestibül, einen spätgründerzeitlichen Prachtsaal, und bekam dort wohl das Zimmer zugewiesen. Wer ganz prächtig reiste, kam im eigenen Automobil. Garagen waren vorhanden, ebenso einfache Unterkünfte für Chauffeure.
  Preise für den Kurgast 1928:
»Aufnahme-Untersuchung ... Mk.15,–
Gesamtkosten: Pensionspreis einschl. Steuern, Kur, ärztlicher Behandlung wöchentlich von ... Mk.84 an (für die 2. Person in einem Zimmer werden Mk.7,– wöchentlich in Abzug gebracht)
Bei Schroth- und Fastenkuren werden Ermäßigungen gewährt.
Besondere Kosten:
[...] Liegestuhl wöchentlich Mk.2,–. Mitzubringen sind nach Möglichkeit: Badetuch, 2 Wolldecken, auch empfiehlt sich Material für Wickel und Packungen mitzubringen (hier auch käuflich zu haben).«
  Es gab sicherlich auch die Gelegenheit, vor Ort passendes Schrifttum zu erwerben, wie etwa das abgebildete »Das Wasser als Volksheilmittel« von Direktor Heinrich Goßmann senior höchstselbst (erschienen allerdings erst 1937) oder »Verjüngung durch naturgemäßes Leben und seelische Höherentwicklung« von Dr. med. Eugen Heun, Arzt an Dr. Goßmanns Sanatorium, Kassel-Wilhelmshöhe (1928).


*5

Es gab aber auch weniger ernsthafte Kurgäste: Ein erhaltener Postkartengruß aus der Goßmannschen Anstalt lautet folgendermaßen: »Herrn Bäckermeister Schmidt, Greiz i.Thür. / Bin gut angekommen. Sendet einen Kuchen! - Wilhelm.« Solche Gäste freuten sich auch über den Nachtrags-Zettel, der in die Broschüre eingeklebt war: »... Ein Rauch- und Spielzimmer mit vorzüglichem Billard ist eingerichtet worden ...«. Die Kurwilligen unterzogen sich folgenden »Hauptmethoden natürlicher und biologischer Reizanwendungen:
1. Ernährung: Abwechslungsreiche Fleisch- und vegetarische Diät unter Berücksichtigung der Dr. Lahmann’schen Grundsätze betreffs Nährsalze und der modernen Vitaminforschung. Tisch für Korpulente, für Magenkranke, für Zuckerkranke. Obst- und Rohkostkuren zur energischen Stoffwechselumstimmung (Entsäuerung, Entsalzung, Mineral- und Vitamin-Versorgung), Trockenkuren nach Schroth und Fastenkuren als sehr wirkungsvolle Methoden bei schweren körperlichen Leiden.
2. Das gesamte Wasserheilverfahren (kalte, warme, bis heiße Wasser- und Dampfanwendungen. (Wärmekultur).
3. Elektrische Anwendungen: Elektrische Wasserbäder, Vierzellenbad, Schwachstrombehandlung, Langwellstrahler, elektrische Lichtbäder.
4. Lichtbehandlung: Freiluftbäder, Sonnenbäder, künstliche Höhensonne, Rot- und Blaulichtbestrahlung.
5. Ruhe und Bewegung: Liegehalle am Waldesrand, Gymnastik und Atemübungen (nach Schreber, Müller, Mensendiek, Mazdaznan). Spaziergänge in herrlichen nahegelegenen Waldungen, Sport, Tennis und Tanz.
6. Spezielle Techniken: Ausgedehnte Handmassage, Vibrationsmassage, schwedische Widerstandsgymnastik, und durch die Aerzte: spez. Gymnastik, Nasen- und Prostatamassage, Thure Brandt-Massage, Mandelbehandlung nach Dr. Röder, Nerven- und Nervenpunktmassage nach Dr. Cornelius.
  Neben der Erkenntnis in Gesundheitsfragen spielt bei der Erreichung der zur Gesundung nötigen seelischen Verfassung die Beeinflussung der Trieb- und Willensrichtung eine große Rolle. Der wichtigste Faktor hierfür ist die Regelung der Lebensordnung [...]. Die Direktion sieht sich daher nur genötigt einzugreifen, wenn durch unzweckmäßiges Verhalten eines Patienten die anderen beeinträchtigt werden. Ständiges Wachsen des Einen am Anderen im freien Spiel der Kräfte mit dem Grundton der Freudigkeit im Herzen ist daher der Gesichtspunkt unseres gesellschaftlichen Lebens.
«

Im Ersten Weltkrieg diente das Haus als Offiziers-Lazarett, nach dem Krieg wurde der Kurbetrieb wieder aufgenommen. 1933 übernahm die Stadt Kassel das Sanatorium, zu dem zumindest zeitweise auch die »Villa Waldeck« in der Lindenstraße / Ecke Schloßteichstaße gehörte, und wandelte es unter Leitung von Dr. Ostkar Kluthe (der auch das Kur- und Badehaus in der Kurhausstraße betrieb) in das »Kneipp-Gesundheitshaus« um. Auch im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus zum Lazarett umfunktioniert, aber nach dem Krieg wieder unter Dr. Kluthe zum »Kneipp-Gesundheitshaus«, es gab auch ein Kneipp-Kinderheim im Habichtswald (siehe das Kapitel »Wilhelmshöhe, Umgebung« und dort »Besondere Orte in Wilhelmshöhe und Habichtswald«). - Küchenchef war Wilhelm Kraus, er verfaßte ein »Kneipp-Kochbuch«.
  Noch Ende der 60er Jahre hatte man große Pläne für das Kneipp-Heilbad Kassel-Wilhelmshöhe: »Der gute Ruf des Kneipp-Heilbades Kassel-Wilhelmshöhe ist Verpflichtung zu eseinem weiteren und verbesserten Ausbau. So ist beabsichtigt, ein neues Kurzentrum mit Kurmittelhaus und Kneipp-Sanatorium zu schaffen. Gärtnerische Anlagen und Grünzüge mit Wanderwegen und weiteren Wassertretstellen werden in den Schloßpark harmonisch überleiten. Das Gebäude an der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 1 in Wilhelmshöhe wird zu einem Kurpavillon mit Auskunftsstelle und Aufenthaltsräumen erweitert.« (Zitat aus dem nebenstehenden Führer von 1966/67.)
  Doch Anfang der 70er Jahre wurde das prächtige, tradtionsreiche Haus abgerissen und an seiner Stelle die Türme des »Augustinum« erbaut. Gleichzeitig wurde das herrliche Kurhaus in der Kurhausstraße, die frühere Villa Mummy, abgerissen und durch einen riesigen Neue-Heimat-Bau in gänzlich unpassender Bauart ersetzt. Der Kur- und Erholungs-Charakter der Villenkolonie Mulang wurde durch weitere Abrisse und Neubauten beeinträchtigt; das waren Eingriffe, die noch heute schwer wiegen. Ein erfolgreiches »Bad Wilhelmshöhe« war politisch nicht gewünscht. (Es muß nicht hinzugefügt werden, daß damit beileibe kein Angriff auf die Bewohner dieser Neubauten gemeint ist, wohl aber auf bewußt zerstörerische Baupolitik dieser und späterer Zeit.)
  Auf den Luftbildern der Goßmannschen Anstalt zu Beginn und Ende dieses Textabschnitts und auf dem Bild des Augustinums sieht man den Steinbruch im Habichtswald, dessen Fortbestehen bis in heutige Zeit ein weiteres Monument politischer Torheit darstellt. Er ist dem wunderbaren Naturpark Habichtswald, der Welterbe-Anerkennung, dem Bad Wilhelmshöhe und den Bewohnern des Augustinums gleichermaßen unzuträglich. Die Nicht-Einhaltung von Arbeitsplatzzusagen seitens der Betreiber sollte die längst fällige Schließung umso leichter machen.

  (Nach oben zum Inhaltsverzeichnis.)

Aus einem »Führer durch Cassel und Wilhelmshöhe« von 1897.
*5


Karte von 1899. Sehr schön der Hinweis auf den gegenüberliegenden Wasserfall (der heute hinter Kolonnen rasender und parkender Autos kaum mehr wahrnehmbar ist).
*13


Ca.1920: Luftbild mit dem von Greveler erbauten Klinikgebäude links oben, rechts oben die Baumreihen der Wilhelmshöher Allee, rechts die Hofanlage der ehemaligen Domäne (siehe »Wilhelmshöhe«).
*6


Um 1885: Der Eingang zur Kaltwasser-Heilanstalt in der Wigandstraße. Aus einer Mappe mit Fotografien von Kassel und Wilhelmshöhe.*1


Ausschnitt aus dem vorigen Foto. Der Eingangsbereich mit den Schildern: »
Arzt Dr. Greveler, Sanitäts-Rath, Sprechstunden von 11 1/2 bis 12 1/2 und 2 1/2 bis 3 1/2 Uhr.« / »Kaltwasserheil-Anstalt.« / »Bäder, Douchen, Massagen auch für nicht in der Anstalt Wohnende von 8 1/2 – 12 1/2 und 4 1/2 – 6 1/2 Uhr.« Die Inschrift am Häuschen rechts ist leider nicht lesbar.


Die Kuranstalt um 1900.
*10


Ca. 1910: Postkarte. Blick vom Tal, also von Osten.
*5


Nach 1921 wurde das Haus Kurheim der Reichsbahn-, später der Bundesbahn-BKK. Die Postkarte ist 1958 abgestempelt worden.
*5


1963 abgestempelte Postkarte: Der Speisesaal.
*5


Postkarte von ca. 1980: Die »Kurklinik Habichtswald der Bundesbahn-BKK«. Der Anblick aus dem Tal ist noch da; heute ist diese Perspektive dahin.
*5


Umbau-Modell, Bild aus der HNA vom 22.03.1986. Blick von Norden, von der Mulangstraße aus. Die Wigandstraße läuft rechts hoch. Der häßliche Mittelbau sollte zunächst durch womöglich noch häßlichere Seitenflügel erweitert werden.

Heilanstalt Dr.Greveler (1883-1921)
Kurheim der Bahn-BKK (1921–1986)
Habichtswald-Klinik (seit 1986
)

Die »Kaltwasser-Heilanstalt Dr. Greveler«, u.a. auch »Sanatorium Bad Wilhelmshöhe« genannt, wurde ab 1881 von Dr. Engelbert Greveler erbaut und 1883 eröffnet. Ihm stand zu Beginn der Arzt Dr. Ludwig Greger zur Seite, der einige Jahre später in der Burgfeldstraße ein eigenes Haus gründete. »Der aus Westfalen stammende Arzt Dr. Engelbert Greveler hatte die Bedeutung der Wilhelmshöhe als heilklimatischer Kurort erkannt, als er in Bad Wolfsanger (s.a. Blick zurück 203) tätig war. Vorher war Dr. Greveler (s. Foto oben links in unserer Montage) chirurgischer Assistent an der Universität Greifswald gewesen, hatte vorübergehend eine Irrenanstalt in Pommern geleitet, um dann als Chefarzt in der damals berühmten Lungenheilstätte von Dr.Brehmer in Görbersdorf (Schlesien) zu wirken. Nach Tätigkeiten als Bade- und Anstaltsarzt in Suderode und Brückenau kam er nach Wolfsanger.
  Von hier aus faßte Dr.Greveler mit den Kasseler Architekten Rebentisch und Seyffert den Plan, in Wilhelmshöhe ein mit allen technischen Neuheiten der damaligen Zeit ausgestattetes Sanatorium zu errichten. Vor 90 Jahren stand das gewaltige Gebäude, das der Blick zurück 349 schon einmal in der Außenansicht vorgestellt hat, fertig da und wurde am 14. Juli 1883 seiner Bestimmung übergeben.
  Das ganze Sanatorium war sowohl in seinem Äußeren als auch in der Innenarchitektur bis ins Detail im damals so gern angewandten neugotischen Stil ausgeführt. Als Glanzstück galt der 170 qm große, sechs Meter hohe Speisesaal. Es gab ferner 45 Fremdenzimmer, 33 große, geschützte Balkons, Bäder, Massage- und Inhalationsräume, den heilgymnastischen Saal, Billardzimmer, Wintergärten und Gesellschaftsräume.
  Dem Turnsaal und den im Anstaltspark zwischen Parkwärterhäuschen
[das Häuschen Mulangstraße 1, das »AufsichtersHaus« des »Chinesischen Dorfs« Mou-lang, siehe »Chinesisches Dorf«] und Sanatorium in der Wigandstraße gelegenen zwei großen Luftbädern wurde besondere Bedeutung zur Behandlung beigemessen. Unser Bild zeigt das Luftbad für Herren: Rasen- und Sandboden wechselten hier ab; Baumgruppen spendeten nach Bedarf Schatten; Sportgeräte, Wippen, Rundlauf standen hier zur Verfügung, wie auch Duschen und eine Umkleidehalle (rechts im Bild).
Ein großer Prospekt, kurz nach der Jahrhundertwende erschienen, machte mit folgendem Titelseiten-Text auf die bedeutenden Heilstätte aufmerksam: ›Sanatorium Bad Wilhelmshöhe, Sanitätsrat Dr. Greveler, leitender Arzt und Besitzer, 2. Arzt Dr. Ernst Heinrich
[ihm stand Dr. A. Jansen zur Seite]. Kuranstalt für Nerven- und innere Krankheiten. Das ganze Jahr besucht. Winterkuren.‹ – Und es kamen tatsächlich Heilung Suchende aus aller Welt. Zu Dr. Grevelers Patienten zählten z.B. auch der König von Württemberg, die Fürstin Stolberg und der Generalfeldmarschall Graf Haeseler.
  Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm die Leitung des Sanatoriums Dr. Grevelers Schwiegersohn, Dr. Franz Wehmer-Greveler. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Zeit zwangen jedoch bald dazu die Privatanstalt aufzugeben. 1921 übernahm die Reichsbahn-Betriebskrankenkasse das Sanatorium. Nach Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude von der Bundesbahn auf- und ausgebaut; es steht auch heute
[1973] weiterhin Eisenbahnern zur Erholung und Nachbehandlung zur Verfügung.
  Dr. Engelbert Greveler, der übrigens als erster Kasseler Arzt mit dem Kehlkopfspiegel arbeitete, starb 1930. Er wurde auf dem Friedhof Wahlershausen am Rammelsberg beigesetzt.
« (Wolfgang Hermsdorff).*7
  1986 wurde die inzwischen so genannte »Kurklinik Habichtswald«, die in den 70er Jahren um einen gespenstisch häßlichen Betonklotz auf der Mulangstraßenseite, also direkt angrenzend an den Park Wilhelmshöhe, erweitert worden war, von der Bundesbahn-BKK an die Wicker-Gruppe verkauft, wobei der allseitige Wunsch in Erfüllung ging, daß das Gebäude als Kurklinik und Sanatorium weiterbetrieben werde, nachdem es auch Anträge gegeben hatte, das Gebäude etwa als Altenpflege-Tagesklinik zu nutzen.
  Werner Wicker, der auch die »Kurhessen-Therme« direkt unterhalb der Habichtswald-Klinik betreibt, plante zunächst die Erweiterung des neuen Anbaus um zwei weitere Flügel (siehe das Bild in der linken Spalte). Zum Glück wurde dieser Plan fallen gelassen und das heutige Gebäude errichtet, das, zumal im Vergleich mit dem abscheulichen ursprünglichen Plan, ganz wesentlich gefälliger ist, das aber auch sehr nah an den Bergpark und an das historische »AufsichtersHaus« gerutscht ist, was nur durch einen sonderbaren Flächentausch mit der Verwaltung der Schlösser und Gärten möglich wurde. Bedauerlich an der heutigen Situation ist, daß man die herrliche, auch schön sanierte Talseite des ehemaligen Sanatoriums Dr. Greveler praktisch nicht mehr sehen kann: Nur vom Innenhof bzw. vom talseitigen Riegel des neuen Gebäudes aus, welches das alte Haus auf drei Seiten ringartig umgibt, hat man einen freien Blick auf diesen Prachtbau.
  Das Haus heißt inzwischen »Habichtswald Klinik AYURVEDA« und hat ein weites Indikationsspektrum. Hier ein Link auf die Website der Klinik.
  Diese Klinik, auf der die Kneipp-Heilbad-Hoffnungen für Bad Wilhelmshöhe ruhen, bedarf der besseren Rücksichtnahme. Sie liegt unmittelbar an der Mulangstraße, einer immer mehr befahrene Steilstraße, und nur wenige Meter von der Tulpenallee mit ihrer hohen und für Park und Kurgebiet sehr hinderlichen Verkehrsdichte. Erst am 14.10.2003 berichtete die HNA wieder darüber, daß in ganz Kassel die Belastung mit lungengängigem Feinstaub in den letzten Jahren ständig zugenommen habe (»Dicke Luft durch Feinstaub«).
  (Nach oben zum Inhaltsverzeichnis.)



Zwei Bilder vom ersten Bauzustand des Sanatoriums, ca. 1890.
*3


Die Familie Greger vor dem Portal des Sanatoriums, ca. 1900. In der Mitte Ludwig Greger.
*3




Kinderspiele am Sanatorium
.*3


»
Dr. med. Greger’s Kurpension, Wilhelmshöhe bei Cassel, im Winter in Nervi bei Genua. Villa Luise. Villa Daheim.« Die Villa Luise ist das in genau dem abgebildeten Zustand erhaltene Haus Burgfeldstr. 6, die Villa Daheim ist die Nr.17 im ersten Bauzustand.*5


Die Nr.17 aus fast der gleichen Perspektive wie auf der vorigen Postkarte, also von Norden; Klinik-Werbepostkarte von ca. 1913.
*3


Ca.1915: Dr. Helmuth Greger auf dem oben gut sichtbaren Balkon der Klinik, im Hintergrund die Wigandstraße.
*3


Dr. Helmuth Greger mit seiner Frau im Kreise von Angestellten.
*3


Dr. Helmuth Greger und Pflegepersonal.
*3


Auf dem Balkon der Klinik. Im Hintergrund die Burgfeldstraße, rechts Nr.12.
*3

Dr.Greger


Werbepostkarte von etwa 1910.*3

Das Sanatorium wurde von Sanitätsrat Ludwig Greger gegründet, der um 1890 mit seiner Familie nach Mulang zog und in der Burgfeldstraße das großartige Sanatoriumshaus erbaute. Eine Anzeige von etwa 1895 lautet: »Medico-mechanisches Zander-Institut, Besitz. und dirig. Arzt, Dr. Greger, Anstalt für schwedische Heilgymnastik, Massage, Orthopädie, Wasserheilverfahren etc., Kronprinz.-Str. 141 1/2.« Ludwig Gregers Frau war die bedeutende Komponistin Luise Greger (siehe das Kapitel »Persönlichkeiten«). Ludwig Greger ließ das Wilhelmshöher Sanatorium, zu dem er eine Winterdependance in Nervi bei Genua schuf, wegen des großen Erfolges deutlich vergrößern.

Nach dem Tode Ludwigs übernahm sein Sohn Helmuth (1889-1939) das Institut. Aus dieser Zeit stammt ein Prospekt, der neben hervorragenden Bildern des Hauses folgenden Text enthält:

»KLINISCHES SANATORIUM DR. GREGER / CASSEL-WILHELMSHÖHE / Im Verband deutscher Ärztlicher Heilanstaltsbesitzer e.V. / Für Chirurgie und Frauenkrankheiten / Privatentbindungsheim / Burgfeldstr. 17 / Klinische Leitung: Dr. med. Helmuth Greger Facharzt für Chirurgie / Aufnahmen von Hofphot. Eberth, Cassel.

VERBINDUNGEN Vom Hauptbahnhof Cassel: Straßenbahn-Linie 3 bis Germania, dann umsteigen in Linie 1 bis Endstation Wilhelmshöhe / Ab Hotel Schirmer, Ständeplatz: Linie 5 bis Haltestelle Wigandstr. /
Autodroschken: Auf Wunsch Auto der Anstalt, Autogarage / Telegramm-Adresse: Greger, Cassel-Wilhelmshöhe / Telefon: 694 / Gepäckbeförderung durch die Anstalt nach Tarif.

Die Anstalt liegt, von Gärten umgeben, ruhig, schön und staubfrei im Villenvorort Cassel-Wilhelmshöhe am Fuße des Habichtswaldes in unmittelbarer Nähe des Schloßparkes (300 m. ü. d. M. - Wilhelmshöhe ist Luftkurort). Herrliche Fernsicht. Fast alle Zimmer mit Balkon. Fließendes warmes und kaltes Wasser. Privatbäder. Central-Heizung und Kachelöfen. Elektrisches Licht. Doppeltüren und Doppelfenster. Lift.
  Die Anstalt verfügt über den gesamten Apparat moderner und altbewährter Heileinrichtungen. Operationsräume für alle dringlichen, als auch sonst vorkommenden chirurgischen und frauenärztlichen Eingriffe und Operationen. Röntgenabteilung. Laboratorium. Elektrotherapeutische Abteilung (einfache und komplizierte Stromarten. Diathermie. Hochfrequenz. Bergonié. Vierzellenbad. Höhensonnen. Bestrahlungsspiegel nach Kisch. Lichtbäder.) Badeabteilung für die gesamte Hydrotherapie, Dampf- und Fangoanwendungen. Massage. Heilgymnastik. Inhalatorium für Medikamentenverneblung, Wechselatmung, Unterdruckatmung und Soolezerstäubung. Einrichtungen für Liegekuren im Freien. Geschultes Personal.
  Zur Aufnahme geeignet sind Chirurgische- und Frauenkrankheiten, sowohl operativ als auch konservativ zu behandelnde Fälle. Chron. Gelenkerkrankungen. Rachitis (Früh- und Spätformen). Innere Krankheiten. Reconvalescenten nach Krankheiten und Operationen aller Art (insbes. nach Magen-Darmoperationen). Kuraufenthalt und ambulante Behandlung. Pflege- und Erholungsbedürftige auch ohne Kur und ärztliche Behandlung.
  Durch ihre schöne, ruhige Lage und ihre Einrichtungen ist die Anstalt ganz besonders für Aufnahme zu Entbindungen geeignet. Geburtshifliche Abteilung. Hebammenschwester im Hause. Die Verteilung der Zimmer udn der Behandlungsräume, insbesondere der Geburtshilflichen- und Operationsabteilung ist aber so gewählt und angelegt, daß jegliche Störung vermieden wird.
  Geisteskranke und Patienten mit übertragbaren und störenden Krankheiten sind ausgeschlossen. Begleitpersonen von Kranken werden aufgenommen.
  Besonderer Wert wird auf eine sehr gute und abwechslungsreiche Verpflegung und sorgsamste diätetische Behandlung gelegt.
«

Ein PDF dieses bilderreichen Prospektes öffnet sich durch Klicken auf diese Zeilen. Vorsicht - die Größe beträgt 3 MB.

Durch die Weltwirtschaftskrise verlor die Familie das Sanatorium, zu dem zwischenzeitlich auch weitere Mulang-Villen gehört hatten, etwa die Burgfeldstraße 6. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wurde das Haus zerstört.

Heute ist ein direkter Nachkomme von Ludwig und Helmuth Greger Kurarzt in »Bad Wilhelmshöhe«: der hochangesehene Dr. Helmuth Greger, Urenkel Ludwigs und Enkel Helmuths. Er hat seine Praxis in der Wigandstraße 12, einem einst dem Sanatoriumsbau benachbarten Haus, das schon seit bald 100 Jahren der Familie gehört.

  (Nach oben zum Inhaltsverzeichnis.)

Ausschnitt aus einer Luftaufnahme von ca.1930: Das Doppelhaus Lindenstr.7 und 9 in der Bildmitte, von der Gartenseite gesehen. Die auf dem Bild rechte Seite des Hauses, Nr.7, war das Kindersanatorium. Das Haus ist teilerhalten.*6
Kindersanatorium Dr.Rohr


Anzeige im Cassel-Wilhelmshöher Fremdenblatt, 1910


Anzeige in Lührs Städteführer von ca.1935.*5

Dr. Ferdinand Rohr, ehemaliger Assistenzarzt am Kaiser-und-Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaus der Stadt Berlin, war leitender Arzt des Kindersanatoriums. Prof. Dr. H. Finkelstein war ärztlicher Direktor. Gemeinsam verfaßten sie die Schrift »Die Behandlung der tuberkulösen Bauchfellerkrankungen im Kindesalter«, Halle 1922.
  Das Krankenhaus wurde laut Hermsdorffs »Blick zurück 514« bis 1945 in der Lindenstraße betrieben: »Die Bomben des Zweiten Weltkriegs trafen auch das ›Kind von Brabant‹ [das Kinderkrankenhaus, das schon seit 1847 in der ehemaligen Städtischen Kaserne Westendstraße / Luisenstraße sein Domizil hatte] schwer. Schon 1942 beschädigt, brannte das Krankenhaus am 22. Oktober 1943 völlig aus. Wie durch ein Wunder wurden alle Kinder gerettet und unter Schwester Barbara Germeroths umsichtiger Leitung zunächst im Weinbergbunker untergebracht. Es folgte Umzug auf Umzug: in den Keller des Sophienhauses, ins Diakonissenhaus, dann ins Privatsanatorium Dr. Rohr nach Wilhelmshöhe. Als dieses noch im März 1945 ausgebombt wurde, folgte die Ausquartierung in ein Hotel nach Homberg. Schließlich bot sich ein ehemaliger Kindergarten in Harleshausen als Unterschlupf an. In einer von den Amerikanern freigegebenen Villa der Gebrüder Credé an der Frankfurter Straße kam das Krankenhaus schließlich ab Oktober 1948 unter. Nach Dr. Rohrs Ableben übernahm 1951 der Facharzt für Kinderheilkunde Dr. Paul Melchior die Krankenhausleitung. Im Dezember 1955 war dann auch das Provisorium in der Credé-Villa vorbei: Das neue Kinderkrankenhaus ›Zum Kind von Brabant‹ wurde in der Herkulesstraße 111 eingeweiht.«
  (Nach oben zum Inhaltsverzeichnis.)

Ca. 1900: Das Henkelsche E-Werk von Südwesten. Links das Verwaltungs-Gebäude, angebaut Palmenbad und Gewächshaus. Links hinter dem Verwaltungs-Gebäude verläuft die Hunrodstraße, parallel zum Gewächshaus rechts die heutige Kurhausstraße.
*6


Ca.1900: Das E-Werk von der Hunrodstraße aus (von Osten). Beim Klicken auf das Bild öffnet sich ein Fenster mit dem ganzen HNA-»Blick zurück« Nr.1408.


Im Gewächshaus des Palmenbads. Postkarte von ca.1900.
*5


Um 1900: Männerbadezeit im Hallenbad. Bei der Treppen sind die »mächtigen Delphine« zu bestaunen.
*8


Ca.1910: Blick über die Einmündung der Brabanter Straße nach Osten in die vorne quer verlaufende Fürstenstraße, die heutige Hugo-Preuß-Straße. Hinten rechts sieht man den Schornstein des Henkelschen E-Werks und das Palmenbad.
*5


Um 1910: Ein Wagen der Herkulesbahn in der Kurhausstraße, kurz nach dem Verlassen der Endhaltestelle Palmenbad. Links sieht man das Verwaltungshaus des E-Werks.
*8

Palmenbad

Das »Palmenbad« war ein großes Gewächshaus mit dazugehörigem Schwimmbad, das mit der Abwärme des Henkelschen Elektrizitätswerks betrieben wurde und die Villenkolonie Mulang sowie Wahlershausen bereits seit 1893 mit Strom versorgte, als es in der Stadt Kassel noch keine solche Versorgung gab. Siehe »Gustav Henkel« unter »Villenkolonie« / »Bedeutende Mulangbewohner«. – Ein langer Bericht von Gustav Henkel zu den ersten Jahren der Villenkolonie und seinen dortigen Aktivitäten: Bitte hier klicken.

Der Gebäudekomplex stand in der Hunrodstraße, etwas oberhalb der Kurhausstraße. Der große Schornstein war »zur Schonung des Landschaftsbildes« mit einem turmartigen Umbau versehen. Das Werk wurde mit Kohlegrus betrieben, der an der Zeche Herkules gefördert und mit der Herkulesbahn herbeitransportiert wurde. Mit dem Grus wurden zwei Schmidtsche Heißdampfmaschinen à 40 bis 50 PS beheizt, die ihrerseits Dynamos betrieben. Die Maschinen stammten von der Kasseler Firma Beck und Henkel, die beiden Dynamos von der Berliner Firma Schwarzkopf. »Ein großer Akkumulator (eine Batterie von 132 Zellen), der tagsüber geladen wurde, sicherte die Stromlieferung zu allen Tages- und Nachtzeiten.«*7
  Das Hallenbad mit 100 qm großem Becken wurde am 2. Juni 1896 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – nach 2 Jahren privater Nutzung durch Gustav Henkel. »Die Palmen profitierten von der hohen Luftfeuchtigkeit der Schwimmhalle. Die Trennwand zwischen Hallenbad und Palmenlandschaft hatte nur die halbe Höhe der Halle, so daß die obersten Palmenblätter in die Schwimmhalle lugten. Die Gesamtanlage hatte ein unverwechselbares Flair. Ein Reporter wähnte sich bei der Eröffnung in einer Grotte und berichtete von Tuffsteinen und zackigen Felsstücken, die von der Palmenhausdecke herabhingen und von Glühlampen in bunten Farben, die das Palmenhaus in einem reizvoll-märchenhaften Licht erhellten.«*8 Das »Tageblatt und Anzeiger für Cassel« berichtet von der Eröffnung am 3.6.1896: »›Durch Wasserfälle bzw. Fontainen und die verschiedensten Pflanzen wird der Grottenbau angenehm belebt. Zwei mächte Delphine senden beständig Strahlen frischen Wassers in das mit Abteilungen für Schwimmer und Nichtschwimmer versehene Bassin, während sich an der entgegengesetzten Seite Abzugsvorrichtungen befinden. Das angenehme der Anlage tritt besonders bei ungünstigem Wetter hervor, da, abgesehen von der stets gleich gehaltenen Temperatur des Wassers, den Besuchern das Ergehen in den ausgedehnten Gewächshäusern gestattet ist. Eine besondere Sehenswürdigkeit bildet gegenwärtig das imposante Weinhaus, von dem der üppig blühende Wein einen wunderbaren Duft verbreitet. Die Anlage ist durch Bogen- und Glühlicht taghell erleuchtet und kann von Morgens sechs bis Abends 1/2 10 benutzt werden, die Zeit von 9 Uhr Vormittags bis 5 Uhr Nachmittags ist für Damen reserviert, auch wird Schwimmunterricht erteilt.‹«*8
  Bei den zahlreichen Mädchenpensionaten erfreute sich das Palmenbad großer Beliebtheit. Und: »Regelmäßig einmal pro Woche badeten die Mannschaften der III. reitenden Batterie des Artillerie-Regiments Nr.11 hier. Diese Batterie war bis 1903 im Wilhelmshöher Marstallgebäude kaserniert. Die Soldaten kamen meist samstags und anschließend wurde das Wasser völlig abgelassen und das Becken gründlich gereinigt.«*7 Auch die preußischen Prinzen kamen in den Sommermonaten zum Schwimmen hierher.
  So lange die »Dampf-Straßenbahn« noch das die Herkulesbahn betrieb, berechtigte eine Rückfahrkarte zum Besuch des Schwimmbads. Von den 70 Pfennigen (nicht wenig Geld; je nach Umrechnung heute immerhin etwa 7 Euro) gingen 35 ans Palmenbad. Mit der Übernahme durch die »Große Casseler Straßenbahn« fiel diese Regelung zum allgemeinen Bedauern weg.*7
  Schon im Winter 1918 wurde das Elektrizitätswerk nach dem Verkauf an die Stadt Kassel abgeschaltet und die Villenkolonie anderweitig mit Strom versorgt. Die Palmen erfroren; der gesamte Komplex wurde 1922 abgerissen. An ihn erinnert nur noch der Name des Hotels und Restaurants »Palmenbad« in der Kurhausstraße, einst in unmittelbarer Nachbarschaft des Werks. Vor seiner Tür endete war seinerzeit die Talstation der Herkulesbahn; hier stieg man in die Linie 4 um, die heutige Linie 3.


Anzeige in einem Reiseführer, um 1930. Der damalige Betreiber: J.O. Köberich.

  (Nach oben zum Inhaltsverzeichnis.)


Nr.13 nach 1932, also zu »Piepmeyer«-Zeiten oder kurz nach dem Verkauf an die Stadt Kassel. Nicht erhalten.
*6


Nr.13 als Kurhaus um 1935, Gartenseite.
*5


Um 1935: Die Gartenseite des Kurhauses.*5


1968: Nr.15 als Kurhaus, kurz vor dem Abriß 1972. Man erkennt das bescheidenere Nachkriegs-Dach. Blick aus der Lindenstraße.*2


1968: Nr.15. Blick von der Kurhausstraße nach oben, also nach Norden.*2

Kur- und Badehaus

(in Vorbereitung. Siehe auch »Villenkolonie«, Kurhausstraße 15.)
  (Nach oben zum Inhaltsverzeichnis.)
  Freibad Wilhelmshöhe (in Vorbereitung)

  (Nach oben zum Inhaltsverzeichnis.)



Zwei Mehrbild-Karten des Burgfeld-Krankenhauses von etwa 1955.*5
Burgfeld-Krankenhaus

Etwa Mitte der 50er Jahre wurde unter Einbeziehung des Hauses Burgfeldstr.11 (auf dem rechten oberen Bild der unteren Karte das linke Haus ...) ein neues Krankenhaus gebaut. Der ursprünglich hübsche 50er-Jahre-Bau paßte recht gut in die Kur- und Wohnhaus-Bebauung des Viertels. Erst in den unseligen 70er Jahren (die in Kassel bis heute nicht geendet zu haben scheinen) wurde das auch von Architekturführern gegeißelte abscheulich-riesige heutige Haus errichtet. (Diese harte Kritik an solch menschenferner und liebloser »Zweck«-Architektur erstreckt sich selbstverständlich nicht auf die tüchtigen Menschen, die dort wirken!)

Das Burgfeld-Krankenhaus wird nach Fertigstellung des bereits in Bau befindlichen Diakonissen-Krankenhauses im Vorderen Westen geschlossen. Eine weitere Nutzung des Gebäudes ist nicht in Sicht.
  (Nach oben zum Inhaltsverzeichnis.)

1965 abgestempelte Karte: »Königin Elena-Klinik. 35 Kassel-Harleshausen«. Damals war das Bauwerk noch kaum verändert.*5


Ungefähr aus der gleichen Zeit: Eine Postkarte von der Terrasse des Hauses.*5


Der Anbau von etwa 1970.*12
Paracelsus-Elena-Klinik

Der sehr bedeutende Architekt Hermann Muthesius erbaute 1910 für den Freiherrn von Strombeck in wundervoller Lage zwischen Harleshausen und Habichtswald ein Landhaus mit Herkulesblick. Hier vier Seiten aus dem Buch »Landhäuser von Hermann Muthesius«, München 1922.*5 Beim Daraufklicken öffnen sich Fenster mit den Seiten in lesbarer Größe:





Nach dem Tode von Strombecks wurde in diesem Werkbund-Bau eine Parkinson-Spezialklinik eingerichtet, ein Umstand, der sich einer zufälligen Begegnung zwischen Dr. Walther Völler und Königin Elena von Italien verdankte, die 1935 stattfand. Als ein Teil dieser später stark erweiterten Klinik hat das immerhin noch in Teilen erkennbare Landhaus Strombeck überlebt. So bedauerlich jede Veränderung eines so wichtigen Bauwerkes ist, so interessant ist die Geschichte der Elena-Klinik und so sinnvoll ist die Unterbringung der Patienten in einer schönen Umgebung. Heute ist die inzwischen so genannte »Paracelsus-Elena-Klinik« eine der beiden Kur-Kliniken, die zur Erringung des »Bad«-Prädikats für Wilhelmshöhe nötig waren.
  (Nach oben zum Inhaltsverzeichnis.)
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Friedrich Forssman
Schloßteichstraße 3
34131 Kassel
mail@kassel-mulang.de

Dank an
Dr.Helmuth Greger, Kassel
Helga Kraus, Kassel
Rolf Lang, Niestetal
Dr.Alexander Link, Stadtmuseum Kassel
Evamarie Junginger-Rohrbach


Bildn
achweis
*1 Sammlung Rolf Lang, Niestetal
*2 Bürgerverein Wilhelmshöhe/Wahlershausen (Hg.): Historische Fotografien aus Wilhelmshöhe/Wahlershausen, Kassel 1986
*3 Familienarchiv Greger
*4 HNA-»Blick zurück« 361
*5 Sammlung Feyll/Forssman
*6 Stadtmuseum Kassel
*7 Wolfgang Hermsdorff, Ein Blick zurück, Reproduktion der HNA-Serie, zusammeng. m. Registern und Quellenverz. v. Hiltgunde Thiele, Kassel 1992.
*8 Vera Bachmann: Kasseler Badelust. Begleitbuch zur Ausstellung im Stadtmuseum Kassel, Kassel 1995
*9 Familienarchiv Evamarie Junginger-Rohrbach
*10 UniversitätsBibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel
*11 Archiv Yannick Philipp Schwarz, Kassel
*12 Sammlung K.-P. Wieddekind
*13 Sammlung H.-W. Hess, Kassel