Aktion »Wilhelmshöher Atemzug«
Zum Wert des »Talers«

Im Zuge der Gründung des Deutschen Reichs 1871, nach den preußischen Feldzügen, bei denen bekanntlich auch Hessen-Kassel 1866 kassiert wurde, kam 1873 folgerichtig die Währungsreform. Die Vielzahl der verschiedenen nicht-dezimal unterteilten Währungen wurde zugunsten der Mark à 100 Pfennige aufgegeben. Diese Mark war ein Kompromiß zwischen dem norddeutschen Taler und dem süddeutschen Gulden.

Der preußische Taler war eingeteilt in 30 Groschen zu 12 Pfennigen. Die Mark wurde zum Wert von 1/3 Taler bzw. 35 süddeutschen Kreuzern als neue Einheit gewählt.

Diese Währungsreform wurde im Geltungsgebiet des preußischen Talers als eine Entwertung gesehen - analog zur DM-Nostalgie, die nach der Einführung des Euro allseits empfunden wurde. So galt der Taler, der überdies bis 1907 in komplizierter Weise als Zweitwährung geduldet werden mußte, als Symbol für die »gute alte Zeit«. Dadurch erklärt sich, daß Schweninger den Wert der Wilhelmshöher Atemluft in Talern bemaß.

Die Kaufkraft eines Talers, die Schweninger vorgeschwebt haben muß, ist nicht leicht in heutige Verhältnisse umzurechnen, vor allem da Arbeit gegenüber Sachwerten in der guten alten Zeit viel billiger war. Mit einem Umrechnungskurs von 1 Taler = 10 Euro wird man näherungsweise hinkommen.

Vom Leib- und Kurarzt Bismarcks, Prof. Dr. Ernst Schweninger, stammt der Satz »In Wilhelmshöhe ist jeder Atemzug einen Taler wert!«.

Das mag um 1890 seine Berechtigung gehabt haben. Seitdem ist aber vieles passiert, was den Atemzug-Wert in Wilhelmshöhe belastet, der nach der untenstehenden Rechnung zur Zeit leider nur bei
0,25 Talern liegt. Hiermit wird dazu aufgerufen, diese Währung für die Wilhelmshöher Luft wieder einzuführen - und den damaligen Wert von einem Taler womöglich sogar zu übertreffen.

Die Einzelfaktoren:

1890 hatte Wilhelmshöhe einen wunderbaren Kurbetrieb mit vielen herrlichen Sanatorien, wirtschaftlich geführt von Idealisten. Siehe das Kapitel »Kurort Wilhelmshöhe«.
Heute gibt es zwar mal wieder das »Bad«-Prädikat, aber keine nennenswerten Bestrebungen, Wilhelmshöhe zu einem angenehmen Bad-, Kur- oder »Wellness«-Aufenthaltsort zu machen. Der Mittelpunkt von »Bad Wilhelmshöhe« ist heute am ehesten noch die Ayurveda-Klinik an der Einmündung der Mulangstraße in die Wilhelmshöher Allee - einer Ausfallstraße Kassels. Auch Krachveranstaltungen wie ein tagelanges »Oktoberfest« unmittelbar neben der Klinik werden bedenkenlos genehmigt.
Abzug: 0,20 Taler.

1890 war Verkehrsbelastung noch kaum vorhanden. Kurärzte wie Wiederhold wiesen in ihren Prospekten auf die himmlische Stille als wichtigsten Kur-Faktor hin.
Heute belasten drei Straßen den Park (siehe das Kapitel »Probleme«): Die Rasenallee mit den je nach Zählung 8.000 bis 12.000 Fahrzeugen. (Abzug: 0,15 Taler) / Auf der Mulangstraße verlärmen Fahrzeuge die einst herrlichen Park-Zonen wie den Wasserfall unterhalb des Schloßteichs und das Parkdorf Mou-lang. (Abzug: 0,15 Taler) / Mitten durch den Park führt eine asphaltierte öffentliche Straße. (Abzug: 0,15 Taler)
Abzug: 0,45 Taler

1890 war der Park Wilhelmshöhe unter kundiger, hochkompetenter Leitung in gutem Pflegezustand: Grundlage des schon lange geplanten und längst überfälligen Park-Pflegewerks von heute wird der Zustand von 1903 sein.
Heute werden Gärtner-Stellen abgebaut. Eine gestalterische Hand fehlt allerorten, was sich in der Genehmigung von häßlichen Wurst- und Kaffeebuden, unpassenden Großveranstaltungen, aber auch sonst an vielen Stellen bemerkbar macht. Das Bestreben, in einigen Jahren UNESCO-Welterbe zu werden, wird nirgends sichtbar.
Abzug: 0,10 Taler

1890 war der Park von einem schützenden Gürtel aus landwirtschaftlichen Flächen umgeben (siehe das Kapitel »Wilhelmshöhe, Umgebung« und das Kapitel »Probleme«).
Heute: Zwischen 1970 und 2000 wurde die Domäne Wilhelmshöhe zerstört, aber immerhin sind die Wiesen bei Rammelsberg, Ochsenallee und Prinzenquelle noch intakt. Es gibt intensive Überlegungen, Park, Kurbetrieb und Naherholung durch Bebauung und Verkehr dieser Flächen zu berauben. Wenn das geschicht, gilt:
Drohender Abzug: 0,15 Taler

1890 war die Luft frei von Flugzeugen und also nicht nur rein, sondern auch ruhig.
Heute ist ein gänzlich unnützer, nur als Prestigeprojekt dienender Verkehrsflugplatz mit künstlich erzeugtem, hochsubventioniertem Fluglärm in der Nähe von Wilhelmshöhe, unmittelbar neben dem Rokoko-Kleinod Wilhelmsthal geplant.
Drohender Abzug: 0,10 Taler


1890 lag das zauberhafte »chinesische Dorf«
Mou-lang
noch ein tiefem Dornröschenschlaf und war weitgehend zugewachsen (siehe das Kapitel »Chinesisches Dorf«).

Heute gibt es vor allem von Bürgerseite Bestrebungen, dieses Juwel aufzupolieren.
Es winkt ein Bonus: 0,20 Taler

Zusammenfassung: die augenblicklichen 0,25 Taler pro Atemzug werden gänzlich zunichte, wenn das Parkvorfeld zerstört und der Flughafen-Neubau in Betrieb gegangen ist. Wenn aber dieser Unfug verhindert wurde, ein Verkehrskonzept den Park entlastet, die UNESCO-Hausaufgaben gemacht sind und das »Bad« Wilhelmshöhe endlich wieder funktioniert, ist der Taler wieder rund. Und wenn darüber hinaus das hinreißende Dorf Mou-lang wieder erlebbar ist, dann kann »kassel tourist« werben:

»In Wilhelmshöhe ist jeder Atemzug
1,20 Taler wert!«

Inhalt

Startseite
Dia-Schau (60 Bilder)
»Chinesisches Dorf«
Villenkolonie
Kurort Wilhelmshöhe
Persönlichkeiten
Wilhelmshöhe, Umgebung
Die Herkulesbahn
Luftbad Waldwiese
.


Friedrich Forssman
Schloßteichstraße 3
34131 Kassel
mail@kassel-mulang.de